Ricarda Hoop



geboren 1981 in Parchim
2002 Unterricht bei Brigitte Metzler / Hamburg
2003 - 2008 Unterricht bei Jörk Kalkreuter / Hamburg
2004 - 2011 Studium der freien Kunst an der Hochschule für bildende Künste Hamburg (HfbK)
lebt und arbeitet in Leipzig

Metamorphosen der Alltäglichkeit. Über die Zeichnungen von Ricarda Hoop
Heidi Stecker, März 2017 (http://www.vistulabuero.com/)

Die Künstlerin Ricarda Hoop hat ein umfangreiches zeichnerisches Œuvre entwickelt. Ihre Zeichnungen beziehen sich oft auf Elemente des Interieurs. Sie strotzen von Dekoren und Motiven, die zunächst einerseits freundlich und andererseits trivial wirken. Zumindest sieht dies auf den ersten Blick so aus. Es sind Motive, wie man sie vom Wohnzimmerschmuck der Großeltern kennt, Motive von gebrannten Holzbrettchen, geflochtenen Bastdeckchen, gewebten Wandbehängen, mit denen die gute Stube geschmückt wurde. Früher, als Kind, fand man das scheußlich, heute rührend oder Retro Style. Betrachtet man Hoops Stillleben und Interieurs näher, sind liebenswerte Tiere und liebliche Blumen zu erkennen. Sie schmeicheln dem Auge. Die Zeichnungen wirken wie Teppiche mit Pflanzengewirr und Tierschmuck. So prangt ein Fasan inmitten floraler Arrangements. Bis man auf die hinreißende, aber giftige Kaiserkrone trifft und auf bildschön gezeichnete Wattwürmer, denen man vielleicht auch einen Reiz zusprechen mag, aber doch eher Ekel erregend findet. Ein vollendet dunkler Kreis, gefasst wie mit altertümlichen Borten und Posamenten, assoziiert eine Sonnenfinsternis. Arabesken kollidieren mit optischen Brüchen. Hoop bändigt den Musterüberschwang mit strengen Strukturen. Zitate aus der alltäglichen Bildwelt und zierliche Gefüge kontrastieren mit freien Flächen. Feinst durchgearbeiteten Details, dichte, wie gewebt wirkende, penibel gefüllte Flächen fügen sich zu unheimlichen Landschaften.
Hoops Zeichnungen wirken immer wieder unheimlich, abgründig. Für Sigmund Freud deutet „Das Unheimliche“ (1919) auf das Verborgene, für das noch keine Worte existieren. Die meisten Ästhetiken ignorierten die Aspekte des „Schreckhaften, Angst- und Grauenerregenden“, so schreibt Freud, weil sie sich „lieber mit schönen, großartigen, anziehenden, also mit den positiven Gefühlsarten, ihren Bedingungen und den Gegenständen, die sie hervorrufen, als mit den gegensätzlichen, abstoßenden, peinlichen beschäftigen“. Für Freud hängt das Wort „unheimlich“ mit „heimlich“ zusammen: Das Versteckte, Verborgene im Heimlichen löst das Gefühl des Unheimlichen aus. Im Heimlichen, im Heim verbirgt sich das Grauen. Das Unheimliche ist dann „jene Art des Schreckhaften, welche auf das Altbekannte, Längstvertraute zurückgeht“. Das Vertraute schlägt in Obskures um. Heimlich und unheimlich geht es hinter den Türen und in den Stuben oft zu.

Ein Mittel, um das Unheimliche zu bewirken, ist die Verfremdung. Viktor Šklovskij prägte 1916 diesen Begriff: Literatur und Kunst wirken als Störfaktor, verlangsamen und unterstützen damit die Rezeption. Dieser Verfremdungsprozess korrespondiert mit Hoops bildnerischen Verfahren. Sind die Tiere auf ihren Blättern ausgestopft und die Pflanzen ausgetrocknet? Dienen sie dem Schmuckbedürfnis oder der Präsentation einer Sammelwut? Sind sie eine Art der Machtkontrolle und der Besitzergreifung der Welt und ihrer vielen kleinen Welten?
Zurück zum Interieur, in dem Hoop ihre Störfaktoren platziert. Walter Benjamin meinte zum Interieur: „Das Interieur ist die Zufluchtsstätte der Kunst. [...] Das Interieur ist nicht nur das Universum, sondern auch das Etui des Privatmanns.“ (1989S. 52–53) Benjamin lenkt den Blick auf die Bürgern und Bürgerinnen: Sie bewohnen die Interieurs in einer Zeit, in der es sozusagen erfunden wird, und träumen sich im Heimlichen in andere Welten.

Richard Hamilton trieb das Unheimliche mit seinen Bildmontagen auf die Spitze, so mit seiner Collage „Just what is it that makes today's homes so different, so appealing?“ (1956). Martha Rosler verschärft ihre Interpretation des Interieurs. Die Collagen „Bringing the War Home: House Beautiful” bzw. “Bringing the War Home: In Vietnam” (1967–1972) kombinieren schicke Interieurs mit Fotografien aus dem Vietnamkrieg. Die Gewalt liegt dicht unter der hauchdünnen Haut der heilen Welt, in die sie durch feine Risse unversehens einbricht. In „Semiotics for the Kitchen“ (1975) agiert eine mit Küchengeräten bewaffnete Frau: Das Interieur erscheint im Lichte der Absurdität alltäglicher Handgriffe.
Für die Arbeiten Hoops ist das Interieur ein wichtiger Ausgangspunkt. So erscheint es nur folgerichtig, von der Wand in den Raum zu gehen. Mit Bildtapeten greift sie eine bislang vernachlässigte Tradition auf und nimmt in der Kunstszene eine singuläre Position ein. Das Medium der Zeichnung weitet sie in die dritte Dimension aus: „Le Paysage dessiné dans l'espace“, die gezeichnete Landschaft im Raum, wächst zu Raumfolgen im weitesten Sinn. Hoop vollzieht auch den Schritt in einen zeitlichen Prozess, denn die Komponenten können nur physisch und in der Bewegung wahrgenommen werden.
Mit dem Aufstieg des Bürgertums hielt die Bildtapete endgültig Einzug in das Wohnzimmer. Die private und die öffentliche Sphäre treffen sich an der Wand. Sie markiert die Grenze von Innen- und Außenraum, indem sie den Blick auf gemalte, gedruckte, bei Hoop gezeichnete Landschaften lenkt. Die „Landschaften aus Papier“ bleiben „Sehnsuchtsorte“ (Hoop). Tapeten bieten ein ästhetisches Bildungsprogramm mit antiker Ikonographie, Bergpanoramen, exotischen Landschaften samt ihren Bewohnern, Tieren und Pflanzen.
In ihrem neuen Projekt fügt Hoop Elemente ihrer bisherigen Arbeit zu einem neuen Kosmos zusammen. Mit Bildtapeten in Form von großformatigen Zeichnungen schafft Hoop eine „ironische Distanzierung“ (Hoop). Sie sieht die Zeichnung als „Mittel zur Reflexion und Dekonstruktion scheinbar unbedeutender Dinge des vermeintlich privaten Wohnraums“. Der Wohnraum als Rückzugsort wird in Frage gestellt und gleichzeitig geschmückt. Einem Vexierbild ähnlich verdrehen und spiegeln sich Bildelemente, die etwas zu sein vorgeben, aber etwas ganz anderes sein können.

Literatur
Benjamin, Walter: Das Interieur, die Spur. IV. Louis-Philippe oder das Interieur. In: Tiedemann, Rolf/Schweppenhäuser, Hermann (Hrsg.): Walter Benjamin. Frankfurt a. M. 1972–1999, 1982, Bd. V, S. 178, S. 281–300, 1989, S. 52–53.
Eck, Katharina/Schönhagen, Astrid Silvia (Hrsg.): Interieur und Bildtapete. Narrative des Wohnens um 1800. „wohnen +/– ausstellen“, Bd. 2, Bielefeld 2014.
Freud, Sigmund: Das Unheimliche. In: Freud, Anna et al. (Hrsg.): Sigmund Freud. Bd. XII. Frankfurt a. M. 1999, S. 227–278.

Šklovskij, Viktor: Kunst als Verfahren. In: Jurij Striedter (Hrsg.): Russischer Formalismus. München 1971, S. 3–35. 

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Die Mensch-Raum-Beziehung in Ricarda Hoops Zeichnungen ist eine eigenständige künstlerische Auseinandersetzung. In Bildserien wie „Kuckucksblumen aus Schaum“ oder „Personen im Gegenlicht“ wird die Vielschichtigkeit in Ricarda Hoops künstlerischen Diskurs deutlich. Sie geht einerseits auf Details des Interieurs ein und teilweise überschreitet sie die Grenze zum Stillleben. Pflanzen findet der Betrachter in ihren Werken gleichermaßen wie die Darstellung von Tieren meist als dekorative Absurdität wieder. In den Zeichnungen oder Gemälden sind es entweder Abbildungen auf liebenswerten Gegenständen, oder geformt als nützliches Gefäß für florale Arrangements. Mitunter sind es auch Trophäen, als Zeichen des Triumphes des Menschen über die Natur. Beeindruckend ist z.B. die große Bleistiftzeichnung, auf dem ein Tiger im Zentrum des Bildes liegt und dekorativ mit einem Ornament umrahmt wird, wie das Spanferkel auf der Festtafel. Dieser gestaltete Aspekt des Bildes signalisiert diese Besitzergreifung, diese gewollte Kontrolle des Menschen über Alles und seine Freude daran. Der Raum, der uns umgibt nimmt, in der Kunst von Ricarda Hoop einen wesentlichen Platz ein. Sie zeichnet ihn – sie zeichnet ihn malerisch und malt ihn in ihren zeichnerischen Interieurs. Ihr Sujet sind die Räume des Wohnens, des Privaten, des intimen Bereichs des Lebens. Es sind Zeichnungen, sind skizzenhafte Zitate bis hin zum plastisch fassbaren Detail. Sie verzichtet ganz bewusst auf die Gegenwart des Menschen, der Mensch ist nur in der Reflektion des Interieurs, der Gegenstände und deren Anordnung erkennbar. Es ist eine diametrale Darstellung des Menschenbildes und entlarvt, mit der Sprache der Visualität, die Bedeutung des vermeintlich Unsichtbaren. In ihren Allegorien zeichnet Ricarda Hoop greifbare Strukturen des Verlangens, durchdringt das Motiv mit fühlbarer Materialität der Gegenstände. Auf den Zeichnungen sind dichte Gewebe erkennbar – Schraffuren, Flächen und Freiräume füllen das Papier oder die Leinwand zu einer Landschaft des Innenraumes.

Petra Kießling, Publizistin, Leipzig



bedroom

The mysteries of the bedroom by Ricarda Hoop

Germanic in its rigour, this drawing reaches beyond its subject in masterly fashion. Ricarda Hoop is twenty-nine, and her maturity is evident. What does she draw? Geometrical forms, to render which she takes shadows and light as her pretext, starting with an inventory of no great intrinsic interest: chair, table, bed…

First moment: the little mystery
The bed is no more than a mass of intense light, underscored by the violent shadows that it thus casts. The bed is the place of sleep, of love and death, right? But is this a bed or the absence of a bed?

Minor conclusion:
The bed is a big geometrical light symbolising absence.

Second moment: the big mystery
Have you noticed that, if we start to consider the proportions of the room and of the other furniture forming, indeed, the domestic setting, the bed must be at least four metres long?

Major conclusion:
The banality of life (the office, files, etc.) is transfigured by the work of Ricarda Hoop into a symbolic, enchanted world peopled by giants who sleep in immense beds, beds of light.

Serghei Litvin, Director of the 3.Foire Internationale du Dessin 2011 (FID)
(Translation by Charles Penwarden)